Skiexkursion – für und wider

Die Allgemeinmeinung,

  • Skilager sind teuer,
  • bieten ein hohes Verletzungsrisiko
  • und gehen einher mit Ausfall von Stunden und Lehrkräften,

möchte ich im Folgenden versuchen, zu entkräften.

Ein Skilager ist teuer!
Kosten für ein Skilager am Beispiel eines Gymnasiums in Trier
Die Firma Kluehspiesbietet
– 6Tage-Skipass und VP sowie Bus                 à 336,- EUR.
– Dazu kommt ein Versicherungspaket für   à    15,- EUR
– Plus Skiausleihe mit allem                             à    45,- EUR
– aus Erfahrung benötigt man nicht viel mehr Taschengeld als normalerweise zu Hause.

Natürlich braucht man auch Skijacke und –hose, Pullover, Handschuhe und Unterwäsche. Da muss es nicht immer das Designer-Outfit sein. Es hat sich gezeigt, dass auch No-Name-Produkte gut einsetzbar sind.

(und: Winterjacke und Handschuhe brauchen die Kinder auch eh’)

Hohes Verletzungsrisiko:

Werden die sportmedizinischen und gesundheitlichen Aspekte des Wintersports betrachtet, bleibt die Diskussion über das Verletzungsrisiko nicht aus.

Statistisch gesehen ist Skifahren heute so sicher wie nie zuvor. Das sind die Kernaussagen einer breit angelegten Studie zur Unfallhäufigkeit im Skisport, die auf einem Kongress für Wintersportmedizin 2008 in Garmisch-Partenkirchen vorgestellt wurde. (siehe Bericht Ärztezeitung 22.08.2008).

Weitere Studien belegen, dass Skifahren und Snowboarden zu den sichersten Sportarten zählen, wenn die Zahl der dabei auftretenden Verletzungen zu der Masse, die diese Sportarten ausüben, in Relation gesetzt wird (Aschauer, Ritter, Resch, Thoeni & Spatzenegger, 2007).

Und: eine gute Vorbereitung im Sportunterricht kann das Verletzungsrisiko mindern.

 

Nun –  was spricht noch für ein Skilager?

Wintersport stärkt die Gemeinschaft

Sport im Allgemeinen und Wintersport im Besonderen haben zahlreiche positive Wirkungen auf die physische, soziale und geistige Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Durch den Unterricht im Schnee lernen Schülerinnen und Schüler nicht nur die Fortbewegung auf einem Wintersportgerät kennen, sie sammeln auch zahlreiche Erfahrungen, die ihren schulischen und persönlichen Entwicklungsprozess nachhaltig prägen (Künzell, Szymanski & Theis, 2008).

Darüber hinaus kann durch die Auseinandersetzung mit Grenzerfahrungen und außergewöhnlichen Herausforderungen das Selbstvertrauen der Heranwachsenden gestärkt und die individuelle Persönlichkeitsentwicklung gefördert werden.

Doch nicht nur die Heranwachsenden profitieren von den Wintersportangeboten, auch für Lehrerinnen und Lehrer bieten sie einen erheblichen Mehrwert. Vor allem im Rahmen von Wintersportwochen ergeben sich einzigartige Möglichkeiten der pädagogischen Erziehung durch und im Sport. Lehrkräfte lernen ihre Schülerinnen und Schüler außerhalb des üblichen Lehrer-Schüler-Verhältnisses kennen und umgekehrt. Dies stärkt die Klassengemeinschaft und hat positive Auswirkungen auf den alltäglichen Schulunterricht (Künzell et al., 2008).

Wintersport hält fit

Viele Kinder und Jugendliche in Deutschland bewegen sich zu wenig. Experten beklagen, dass sich die körperliche Leistungsfähigkeit der Kinder gegenüber früher deutlich verschlechtert hat. Einhergehend mit dem Mangel an Bewegung steigt das Risiko einer Erkrankung (Löllgen, Kunstmann & Engelbrecht, 2002). Analysen haben gezeigt, dass ein durchschnittliches Grundschulkind pro Tag neun Stunden liegt, neun Stunden sitzt, fünf Stunden steht und sich nur eine Stunde bewegt. Daraus resultieren motorische Defizite und Übergewicht. 50 bis 65 Prozent aller Heranwachsenden zwischen 8 und 18 Jahren in Deutschland haben Haltungsfehler und Haltungsschwächen – eine alarmierende Zahl. Der Bewegungsmangel beeinflusst auch die Psyche und kann zu motorischer Unruhe, Ungeschick und Bewegungsunlust sowie emotionaler Labilität, Konzentrations- und Antriebsstörungen führen (Roth, Lienemann, Thomann, Jakob & Schaeben, 2012).

Wintersport wirkt den negativen Auswirkungen des Bewegungsmangels entgegen und fördert die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen. Bewegungsorientierte Aktivitäten im Schnee halten den Körper fit, verbrennen überschüssige Kalorien, sorgen für die Zunahme von Kraft- und Gleichgewichtsfähigkeit und wirken sich positiv auf das Herz-Kreislauf-System aus. Darüber hinaus können die Bewegung an der frischen Luft und die Anpassung an die winterlichen Witterungsverhältnisse zu einer Stärkung des Immunsystems und einer erhöhten Widerstandskraft gegen Erkältungen führen. Vor diesem Hintergrund bietet Sport in der Winterlandschaft einen wertvollen Ausgleich zu dem Aufenthalt in meist schlecht gelüfteten Klassenzimmern (Künzell et al., 2008).

Ganz neu entdeckt sind die „Myokine“, die in den Muskelzellen gebildet werden. Diese bewahren uns und die SchülerInnen vor Übergewicht, Krebs und Herz- und Kreislauferkrankungen. Sie haben eine entscheidende Rolle bei der Gesundheitsvorsorge.

Wintersport macht schlau

Nicht nur der Körper profitiert vom Skifahren, Snowboarden, Skilanglaufen oder Schneeschuhwandern. Wissenschaftliche Studien belegen: (Winter-)Sport macht schlau. Die Bewegung an der frischen Luft fördert die Durchblutung, sodass die Körperzellen mit mehr Nährstoffen versorgt werden. Durch die erhöhte Blutzufuhr kann das Gehirn besser arbeiten. Das Denken fällt den Schülerinnen und Schülern leichter.

Neben den physiologischen Vorteilen des Wintersports sind auch die positiven Effekte der Umwelterziehung heranzuziehen. Kinder und Jugendliche verbringen heute weit weniger Zeit in der freien Natur als früher. Kinder, die wenig in der Natur spielen oder Sport treiben, haben in der Regel nur geringes Wissen über Umwelt, Natur und die Bedeutung natürlicher Ressourcen. Gleichzeitig gilt: Nur wer die Natur selbst kennen und ihren Reichtum schätzen lernt, handelt und lebt umweltbewusst und nachhaltig. Für entsprechende Impulse sind schon ganz einfache Naturerlebnisse ausreichend: ein lustiger Rodelnachmittag, der gemeinschaftliche Bau eines Iglus oder eine abenteuerliche Schneeschuhwanderung (Roth et al., 2012). In diesem Zusammenhang bietet Wintersport hervorragende Möglichkeiten, eine nachhaltige Entwicklung als Bildungsziel zu integrieren (Luthe, 2007).

Insbesondere vor dem aktuellen Hintergrund der Klimaerwärmung und deren Auswirkungen auf Wintersportgebiete sollte die Thematik Schneesport und Umwelt fächerübergreifend in den Schulunterricht eingebunden werden. Lehrerinnen und Lehrer haben dadurch die Möglichkeit, einen Unterricht zu gestalten, der die beiden Aspekte Natur erleben und Natur bewahren in Einklang bringt (Künzel et al., 2008). 

Synapsen lieben Wintersport!

Auf neuronaler Ebene sind für den positiven Einfluss von Bewegung auf unseren Geist vor allem zwei Stoffe verantwortlich: der Synapsendünger BDNF (Brain-derived neurotrophic factor ) und der Botenstoff Dopamin. Beide Stoffe sind für die Entstehung neuer Synapsen im Gehirn verantwortlich; sie besitzen höchste Relevanz für Lernvorgänge und vermitteln im Stirnhirn, dort wo die exekutiven Funktionen verortet sind, geschärfte geistige Leistung. Unter körperlicher Beanspruchung
werden die höchsten BDNF-Spiegel gemessen. Sportliche Herausforderungen kurbeln das Dopaminsystem stark an. Wenn wir diese Herausforderungen auch noch bewältigen, kommt es gar zu einer Dopaminflutung im Gehirn. Die Dopaminneurone erhöhen schlagartig ihre Aktivität und schütten Dopamin in Massen aus, wenn uns eine Handlung unerwartet gut gelingt, wenn wir also einen unerwarteten Bewegungserfolg einheimsen. Und diese Dopaminaktivierung initiiert Neuroplastizität,  also Lernen, und steigert die Anstrengungsbereitschaft bzw. Motivation. Dank immer besserer Messmethoden konnte beispielsweise 2014 für das Vokabellernen gezeigt werden, dass die während und nach dem Sport gesteigerten Lernleistungen in direkten Zusammenhang mit den Leveln dieser beiden Stoffe stehen.

Insbesondere der Skisport bietet ideale Voraussetzungen für die maximale Flutung unseres Gehirns mit diesen beiden Wunderstoffen: die Berge bieten auf Skiern oder Snowboard immer neue Herausforderungen, die bewältigt werden können und damit starke Dopaminaktivierungen anregen. Der Herausforderungscharakter der Bergwelt, die beeindruckenden Erlebnisse der Gondelfahrten über große Höhen, weite Distanzen und mit überwältigenden Ausblicken, die immer neuen Überraschungen der weißen Spielwiese und die Möglichkeit, vergleichsweise hohe Geschwindigkeiten bei maximaler Sicherheit zu verursachen, aktivieren Kinder und Jugendliche, sich körperlich und koordinativ stark zu beanspruchen – BDNF und Dopamin stark zu aktivieren. Und sie erleben sich im Schneesport als tatsächlicher Verursacher ihrer Bewegungserfolge – also die Idealbedingung für eine starke Dopaminaktivierung, die im Stirnhirn die exekutiven Funktionen fördert und Neuroplastizität in Gang setzt. Weiterhin fördert das Bewegen in und mit der intakten Natur und in der frischen Luft das geistige „Aufgehen“ in der Aktivität, was die generelle Leistungsfähigkeit des Stirnhirns erhöht und vermutlich auch protektive Effekte hinsichtlich negativer Verstimmungen im Alltag besitzt.

Darüber hinaus kann der Wintersport als fächerverbindendes Thema aus der Perspektive verschiedenster Schulfächer betrachtet werden. Ob Biologie-, Physik-, Erdkunde- oder Geschichtsunterricht – die Themengebiete des Wintersports sind weit gefächert und haben zahlreiche Unterrichtsinhalte zu bieten. Während sich dadurch für die Lehrenden die Chance ergibt, ihr Unterrichtsspektrum zu erweitern und ihrer Schulklasse einen spannenden und praxisnahen Unterricht zu ermöglichen, werden die Schülerinnen und Schüler dazu befähigt, eine Thematik aus unterschiedlichen fachlichen Blickwinkeln zu untersuchen.

Wintersport entwickelt die Persönlichkeit

Aus sportpädagogischer und -psychologischer Sicht kann sich Wintersport positiv auf die Motivation und die Leistungen der Jugendlichen auswirken. Im Rahmen einer mehrtägigen Wintersportfahrt können die Schülerinnen und Schüler in den Planungs- und Organisationsprozess einbezogen werden. Dies fördert die Selbstständigkeit und das Verantwortungsbewusstsein der Jugendlichen. Im Kontext des persönlichkeitsbezogenen Lernens wird somit nicht nur die Fähigkeit zur Selbstbestimmung, sondern auch die Mitbestimmungsfähigkeit vermittelt, die Schülerinnen und Schüler dazu befähigt, ihren eigenen Standpunkt, ihre Interessen und ihre Bedürfnisse innerhalb der Gruppe zu vertreten. Im gleichen Zuge erlernen Kinder und Jugendliche die Fähigkeit zur Solidarität im Sinne einer Anerkennung des Rechts auf Selbst- und Mitbestimmung für alle anderen (Bähr & Krick, 2009).

Möglichkeiten, andere Fächer einzubeziehen

  • Vermittlung physikalischer Themen
    • „Kräfte“, wie Reibungskräfte, Kräftediagramm beim Abfahren, Hangabtriebskraft, Zentifugralkraft, Zentripedalkraft, Fliehkraft, dynamisches Gleichgewicht, …
    • Biomechanische Gesichtspunkte
    • Kurvenradius, Kurvenwinkel, Freqenz, Geschwindigkeit
  • Biologie / Erdkunde
    • Lebensraum Alpen
    • Je nach Alterstufe – Anatomie, Physiologie 
  • Geschichte
    • Einsatz der Bretter in früheren Zeiten
      – erstes Fortbewegungsmittel vor 4000 Jahren
      – Vorteile bei Jagd und Fischfang
      – sonstiger Einsatz der Bretter u.a. Fortbewegung in Sümpfen
    • Skifahren heute

Weitere mögliche Themen in Skilager

  • „Unser Ort soll touristisch wachsen“
    ein Rollenspiel mit dem „Für und Wider“
  • Drehen eines Films
  • Bastelabende
    Falls in der Schule ein Ofen vorhanden ist, könnte getöpfert werden 

Für weitere Gespräche stehen wir gerne zur Verfügung
(SVR-Lehrteam)